1. Februar 2026
Poesie-Nr. 023.
Die Hütenden (2026)

Verfasst in Taipeh, in der Nacht vom 1. Februar auf den 2. Februar 2026.
Für eine bestimmte Lebenslinie
ist sie eine Hüterin geworden.
Wie ein Mann,
der ein Geheimnis hegt und allein die Last trägt,
gestaltet sie das Leben der Gegenwart neu.
Ein Leben ganz für sich,
selbstbestimmt und nicht von Vergangenheit geprägt.
Sie ist die Walküre des eigenen Lebens
und zeichnet die eigene Lebenslinie
in der Hand.
Sie ist auserwählt,
die kollektiven Erinnerungen zu hüten,
die verborgen und unsichtbar sind.
Die Menschen, die in solchen Erinnerungen leben,
sind zum Schweigen gezwungen.
Ein Wahrheitsbild dieses traurigen Volkes erhellt sich –
im Traum, in der Fantasie, zwischen Gesprächen.
Sie stammen aus den Spalten der Zeiten,
wo Schatten sich versammeln
und ernsthaft die Dinge betrachten.
So ernst, dass keine Nachkommen
es erfahren dürfen.
Die Hütenden sind gleichsam
die Hingegebenen,
ihr Schweigen ist voller Kraft,
sodass ihr Kind in ihrem Schoß
ohne Sorge ruht.
Irgendwann werden alle Geheimnisse aufeinandertreffen.
Vielleicht hundert Jahre später,
bis die Betroffenen die Welt verlassen haben
und in der astralen Welt noch einmal
die Schmerzen auskosten.
Geheimnisse werden dort heimlich ausgetauscht,
ohne Scham, ohne Belastung.
Zeus lächelt mit Verständnis und Versöhnung.
Die sieben Sünden sind keine Sünden mehr.
Die Liebe kann fortan aufrichtig ausgedrückt werden.
Die dunkle Geschichte eines Volkes
hat lange gewartet
und sehnt sich nach diesem Moment,
ein Stück Elysium zu erleben.
Das ist die himmlische Aufgabe der Hütenden.
Taipeh, in der Nacht vom 1. Februar auf den 2. Februar 2026.