18. März 2026
Poesie-Nr. 025.
Entbindung

Manuskript verfasst während des Flugs in mein Neuland.
Im Flugzeug von Taipeh nach Istanbul, in der Nacht vom 16. März bis 17. März 2026.
Endfassung im ICE von Köln nach Leipzig am 18. März 2026.
Entbindung
Als die Nabelschnur wahrhaftig durchgeschnitten worden ist,
hat das Baby in diesem Moment sein Leben in der Welt begonnen.
Mutterseelenallein ist es nicht mehr.
Das Abenteuer steht ihm bevor.
Bevor es Sprache gelernt hat,
bevor es sprechen gelernt hat,
hat die Umgebung es umgeben,
kalt oder warm umarmt.
Bevor es denken gelernt hat,
bevor es etwas bewusst wahrgenommen hat.
Diese Bindung, die durch den Mutterleib ermöglicht worden ist, wird bald ungebunden sein.
Das Neugeborene kann nun mit geöffneten Augen die Welt erblicken.
Nach einer Weile lauten Weinens,
nachdem es sich selbst beruhigt hat,
wird seine Umgebung in seinen Augen klar.
Der laute Schrei, den es zunächst mit dem winzigen Körper ausgestoßen hat,
wird immer lauter und größer,
bis ihn das ganze Dorf hört.
Eine Verpflanzung, in der der Säugling von einem eingepflanzten Samen zu einer Blüte heranwächst.
Die Milch ist hie und da. Die Welt ist hie und da.
Der Mutterleib bleibt fern, er ist nicht mehr da.
Er hat seine Verpflichtung erfüllt und ist aus gutem Grund gegangen.
Der Säugling saugt alle Erscheinungen der Welt auf.
Er saugt die Sprache. Er saugt die Stille und das Unstillbare.
Er erlernt Verstand und Ratio, er erlernt Emotionen und die Sprache der Liebe.
Er lernt zu klettern, bis er eines Tages ohne Hilfe mit großem Schritt allein gehen kann.
Das Neugeborene ist kein Säugling mehr.
Es tritt auf die Bühne, ohne Hast, ohne Angst. Es singt ein Lied, das noch keiner kennt.
Eine Bindung mit der Welt – das will es.
Es hat eine Melodie ausgesungen, einen Lobgesang,
den es mit seinem kleinen Körper und all seiner Kraft für die Wiege erschaffen hat,
die für es vorbereitet ist.
Kennst du dieses Neuland, das man nach der Entbindung sieht?
Dort wird man atmen, leben, lachen, weinen und lieben lernen.
Nach der Entbindung erfolgt die Landung, und das Baby wird
von der Dunkelheit in eine kunterbunte Welt gebracht.
Leise spricht das Neugeborene die ersten Worte aus:
Adieu, Mutterleib.
Ich werde in meinem Neuland beheimatet sein.