20. Dezember 2025
Gedichtübersetzung-Nr. 005.
Ausgewählte Liebesbriefe von Gu Cheng und Xie Ye (1979)

Text in chinesischer Originalsprache veröffentlicht in der ersten Ausgabe des VOLLMOND Poesie‑Klang‑Magazins. Printausgabe, S. 5–7. Online veröffentlicht zum Mittherbstfest, am 12. September 2011, dem achten Vollmond des Jahres Xin‑Mao.
Gu Cheng (1956-1993)
Selected Love Letters of Gu Cheng and Xie Ye (1979)
English translation by Wong Zijia
“How I desire to be loved exquisitely. But I know, there is nothing more beautiful than the longing two people have for each other, how that resembles a thread floating down in the light. If you don’t catch hold of one end, it will just float down.”
-- An excerpt from Gu Cheng’s Ying Er (1993)
Gu Cheng and Xie Ye. They met on the train. That was in 1979.
“At night, everyone was asleep, you were lying beside me and have not slept yet, how we had started chatting, I can no longer recall, I only remember you replying in a crisp Beijing accent, your eyes were large and beautiful, and deep like schools of fishes in a dream, the silhouette of your nose and the edges of your mouth had some metallic shine to them, I did not know what to say, so I started reciting poems to you, and talked about movies and then about my childhood. You looked at me as you replied me, every step was followed by an echo. I completely forgot that we were strangers only hours ago, so much so that there weren’t even polite greetings between us. Yet now I could hear your voice, I stepped through the very thin world right into your voice, your gaze, I walked on but I keep returning to this moment, I could still see the finest of hair along the back of your neck.
The train travelled on, into the morning, the brilliant sun rose from Haihe River, I think I awoke with a start, I stood still, I knew this moment was in the midst of vanishing, and in just a little while you would become an illusion forever. You were still smiling, I got furious at you, I knew there was a you in this world, and you were living more authentically than me. I took out a card to write my address, when the train reached its stop, you packed your luggage slowly, the crowds walked towards both directions, I gave you my address and got off the train.”
Gu Cheng, July 1979
voice: Tong Yali
music: Hsieh Chieh-ting
Ausgewählte Liebesbriefe von Gu Cheng und Xie Ye (1979)
Wie sehr sehne ich mich danach, innig geliebt zu werden. Doch ich weiß: Nichts ist schöner als die Sehnsucht zweier Menschen. Sie gleicht einem schwebenden Faden im Licht, dessen Ende, wenn man es nicht fasst, sinkt er herab.
– Aus dem Kapitel „Fragment“ von Gu Chengs Ying Er (1993)
Gu Cheng an Xie Ye
Es war im Jahr 1979, als Gu Cheng und Xie Ye sich im Zug begegneten.
„Nachts schliefen alle, nur du warst neben mir wach. Ich weiß nicht mehr, wie wir ins Gespräch gekommen sind. Ich erinnere mich nur daran, dass du mir in klarem Pekinger Akzent geantwortet hast. Deine Augen waren groß und schön, so tief wie ein traumhafter Schwarm von Fischen. Ein Hauch metallischen Glanzes lag entlang deiner Nasenlinie und an deinen Mundwinkeln. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also begann ich, dir Gedichte vorzulesen, sprach von Filmen und von den fernen Dingen meiner Kindheit. Du sahst mich an, antwortetest mir, und jedes Wort fand ein Echo. Ich hatte völlig vergessen, dass wir noch vor wenigen Stunden Fremde gewesen waren, unfähig, einander auch nur höflich zu begrüßen. Und nun konnte ich deiner Stimme lauschen, durch die hauchdünne Welt hindurch in deine Stimme, in deinen Blick treten. Ich ging weiter und kehrte doch immer wieder in diesen Augenblick zurück. Ich sah noch die feinsten, hellsten Härchen im Nacken deines Halses.
Der Zug fuhr weiter und glitt in den Morgen hinein. Die Sonne stieg hellglänzend über dem Meer und dem Fluss empor. Es war, als wäre ich jäh erwacht. Ich stand da und wusste, dass ich in diesem Augenblick etwas verliere. Noch einen Moment lang würdest du eine ewige Illusion bleiben. Du lächeltest noch, und ich begann, mich über dich zu ärgern. Ich wusste, dass es irgendwo auf der Welt ein dich gab – lebend, wachsend, wirklicher als ich. Ich zog einen Zettel hervor und schrieb meine Adresse darauf. Der Zug fuhr in den Bahnhof ein. Du packtest langsam dein Gepäck. Die Menschen strömten nach beiden Seiten auseinander. Ich gab dir meine Adresse und stieg aus dem Zug.“
Gu Cheng, Juli 1979
Xie Ye an Gu Cheng
Du bist ein seltsamer Mensch. Nach der Aussage meines Vaters bist du vielleicht sogar ein Betrüger. Du hast mir deine Adresse in die Hand gedrückt; du sahst höflich aus und zugleich voller Zorn. Um dich aufsuchen zu können, habe ich mir unzählige Gründe zurechtgelegt. Ich ging die lange, von Pappeln gesäumte Straße entlang und klopfte leise an deine Tür. Es war deine Mutter, die öffnete; sie schien bereits von mir zu wissen und sah mich aufmerksam an. Dann kamst du heraus, als wärst du noch nicht ganz wach – dein schwarzer Füllfederhalter steckte einfach in deiner Tasche. Du solltest nicht mit mir über Philosophie sprechen, denn die Tintenflecken auf deiner Kleidung wirkten lächerlich. Ich wollte dich darauf hinweisen, bemerkte aber, dass auch andere Taschen deiner Kleidung von Tintenspuren in verschiedenen Farben durchzogen waren. Da wurde mir klar, dass es deine Angewohnheit war. Ich habe dir meine Adresse dagelassen und dir törichterweise sogar den Tag meiner Abreise genannt. Am Tag der Abreise hast du mich verabschiedet, und wir sagten kein Wort. Wir wussten, dass es ein Anfang war und kein Abschied.
Wirst du mir schreiben? Du sagtest ja. Und wie viele Briefe? Du hast es mit der Hand angedeutet – die Dicke entsprach mindestens zwei Romanen.
Xiao Ye, Juli 1979
Gu Cheng an Xie Ye
12. September 1979
Xiao Ye,
der Mond ist aufgegangen. Wie hell er ist! Keine einzige Wolke, kein Wind. Die Nacht ist graublau, ein kalter Raum. Der Mond ist rund. Du bist so fern, und doch kann ich meine Hand nach dir ausstrecken und dich sehen.
Xiao Ye, du bist mir so nah. In diesem unerreichbaren, grenzenlosen Nichts ist die Entfernung von tausend oder zehntausend Meilen belanglos. Du lächelst, siehst mich an, segnest mich… Ich scheine in deinem hellen Atem zu zerschmelzen und bin nicht länger ein unbeholfener Mensch. Ich bin ein Hauch nach dem anderen, der die Windglocken zum Klingen bringt – du wirst dich erkälten. Es ist Mitternacht. Der Traum ist ein wunderschöner Palast.
Zwölf Uhr
Der Mensch schaut immer, denkt immer, und trägt stets eine Spur Traurigkeit in sich. Noch nie zuvor war ich so voller Sehnsucht zu leben wie jetzt. Ich scheine schon lange in einem verlogenen, schmutzigen Meer zu treiben, und endlich sehe ich ein Ufer, so rein wie der Mond. Dorthin will ich, ich will dich sehen. Meine Hände sind von schweren Meeresalgen umschlungen, während ich im Stillen meinen Plan schmiede. Ich weiß, dass das Meer verschwinden wird, sobald ich nur ein wenig zurückweiche.
Ein Uhr
Xie Ye an Gu Cheng
Gu Cheng,
deine Briefe gehen immer weit über meine Imagination hinaus. Alles, von dem ich mir wünsche, dass du es einmal gehabt hättest, hast du nie besessen.Doch eigentlich weiß ich selbst nicht genau, was ich mir wünsche.
Philosophie ist etwas, das einen quält. Wenn ich dir zuhöre, kann es vielleicht noch eine Art Genuss sein. Aber sobald sie zu Literatur wird, verwandelt sie sich für mich in einen Tintenklecks, der sich einfach nicht auflösen lässt. Ich glaube, dass in Zukunft außer mir niemand mehr die Möglichkeit haben wird zu verstehen, was du eigentlich sagst.
Heute Abend sind alle Sterne gestorben, nur der Mond steht da – und er sieht ziemlich hässlich aus.
Xiao Ye, Oktober 1979
Deutsche Übersetzung: Tong Yali.
Rheinland, 20. Dezember 2025. Vorabend des vierten Advents.

顧城 (1956-1993)
顧城和謝燁情書選 (1979)
「真渴望被精美地愛。可是我知道,沒有比相思更美的,相思真像光中飄著的線。一頭沒拽住就飄下去了。」
──顧城《英兒》〈斷章〉 1993年
〈顧城致謝燁〉
顧城和謝燁。是在火車上邂逅相遇的。時間是一九七九年。
「晚上,所有的人都睡了,你在我旁邊沒有睡,我們是怎麼開始談話的,我已經記不得了,只記得你用清楚的北京話回答,眼睛又大又美,深深的像是夢幻的魚群,鼻線和嘴角有一種金屬的光輝,我不知道該說些什麼,就給你念起詩來,又說起電影又說起遙遠的小時候的事。你看著我,回答我,每走一步都有回聲。我完全忘記了剛剛幾個小時之前我們還很陌生,甚至連一個禮貌的招呼都不能打。現在卻能聽著你的聲音,穿過薄薄的世界走進你的聲音,你的目光,走著卻又不斷回到此刻,我還在看你頸後的最淡的頭髮。
火車走著,進入早晨,太陽在海河上明晃晃升起 來,我好像驚醒了,我站著,我知道此刻正在失去,再過一會兒你將成為永生的幻覺。你還在笑,我對你憤怒起來,我知道世界上有一個你活著,生長著比我更真實。我掏出紙片寫下我的住址,車到站了你慢慢收拾行李,人向兩邊走去,我把地址給你就下了火車。」
顧城 一九七九年七月
聲音:彤雅立
音樂:謝杰廷
〈謝燁致顧城〉
你是個怪人,照我爸爸的說法也許是個騙子,你把地址塞在我手裏,樣子禮貌又滿含怒氣。為了能去找你,我想了好多理由,我沿著長長的長著白楊樹的道路走,輕輕敲了你的門,開門的是你母親,她好像已經知道了我,就那麼注意地看我。你走出來,好像還沒睡醒,黑鋼筆直接放在口袋裏。你不該同我談哲學,因為衣服上的墨跡惹人發笑,我想提醒你,又發現別的口袋同樣有許多墨水的顏色,才知道這是你的習慣。我給你留下地址,還挺傻地告訴你我走的日子,離開那天你去送我,我們什麼都沒說,我們知道這是開始而不是告別。
你會給我寫信麼?你說會的。寫多少呢?你用手比了比,那厚度至少等於兩部長篇小說。
小燁 一九七九年七月
〈顧城致謝燁〉
一九七九年年九月十二日
小燁:
月亮升起來了,多亮呵,沒有一絲浮雲,沒風,夜是灰藍色的,冷冷的空間,月亮是圓的,你那麼遠,我卻仍然能把手伸向你,看見你。
小燁你離我很近吧,在這無法觸及的無際的虛空中,千里萬里也是微不足道的,你在笑在看、祝福……我好像在你明亮的呼吸中溶化了,不再是一個笨拙的人,我是一陣又一陣風,吹著風鈴,你會著涼的。十二點了,夢是一個美麗的宮殿。
十二點
人永遠在看,在想,總有憂愁,我從來沒有像現在這樣充滿了活下去的渴望,我好像在虛偽骯髒的海中漂了好久,終於看見月亮一樣乾淨的海岸,我要到那裏去,要見到你,我的手被沉甸甸的海藻纏繞著,暗暗計畫著,我知道微微退一下,海就會消失。
一點
〈謝燁致顧城〉
顧城:
你的信永遠出乎我的想像,我希望你有的,你從來沒有。不過我也弄不清我希望什麼。
哲學是一種折磨人的東西,聽你說說也許還能算是一種享受,可變成了文學,對我來說簡直就成了溶化不了的一攤墨跡,我相信將來除了我有弄明白這些話的可能以外,不會再有人懂得你說的是什麼了。
晚上星星都死了,只有一個月亮挺不好看。
小燁 1979年10月

