1. April 2007
Poesie-Nr. 017.
Die wunden Füße des kleinen Mädchens Chen

Tong Y. (2010): Die wunden Füße des kleine Mädchens Chen 陳小妹妹腳上的傷 [Chén xiǎo mèimei jiǎo shàng de shāng]. In: Grenzlandsdämmerung 邊地微光 [Biān dì wéi guāng]. Taipei. fembooks. 93–98.
Aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt am 23. Februar 2026 in Taipeh, Taiwan.
Die wunden Füße des kleinen Mädchens Chen
Die kleine Mädchen Chen hatte eine Kindheit wie diese –
sie sah die anderen, die ihre Spielzeuge in den Händen hielten,
doch selbst wenn sie innerlich laut aufschrie, bekam sie keines.
In ihrer Kindheit gab es keinen bilingualen Kindergarten,
sie besuchte nicht einmal irgendeinen Kindergarten,
denn ihre Füße waren verwundet,
und ein Kind mit Wunden galt als nicht würdig, dorthin zu gehen.
In ihrer Kindheit gab es für die kleine Chen keinen Spielplatz.
Schon im Mutterleib war sie daran gewöhnt, ganz allein zu spielen.
Nach ihrer Geburt legte man sie
in ein Einzelbett ohne Decke.
Noch ein kleines Baby, öffnete sie die Augen –
und erblickte sofort die Enttäuschung in den Gesichtern der Menschen:
„Oh, wie konnte es ein Mädchen sein? Wie konnte es ein Mädchen sein?“
Die kleine Chen bekam in ihrer Kindheit keine Lutscher,
und natürlich auch keine warmen, festen Umarmungen
oder ein paar aufrichtige Worte des Lobes.
Sie durfte nicht einmal weinen.
Die Küche und der Wäscheplatz erwarteten sie schon im nächsten Augenblick,
denn ihre Füße waren verwundet.
Die kleine Chen hatte Wunden an ihren Füßen.
Sie verdiente nicht einmal ein eigenes Isolierzimmer.
So übernahm sie schon als Kind, ruhig und gefasst,
in den verschiedensten öffentlichen Räumen die Rolle
einer erfolgreichen Kinderschauspielerin.
Sie lachte, um ihre Traurigkeit zu verbergen.
Sie lachte, um ihre Traurigkeit zu verbergen.
Als die kleine Chen in der ersten Klasse war,
behandelte sie das, was die Lehrerin an die Tafel schrieb, wie Müll.
Auf der grünen Tafel, zwischen dem Kreidestaub und den weißen Schriftzügen,
zeichnete sie ein großes X –
und dafür erhielt sie eine heftige Ohrfeige von der Lehrerin.
Im Park ließ ein kleiner Junge fröhlich und unbeschwert einen Drachen steigen.
Schon von klein auf hatten ihm die Eltern Hoffnung und Aufgabe übertragen:
Er musste üben, die Flugbahn des Drachens zu beherrschen,
geführt von einem dünnen, langen Faden,
den die Menschen kaum wahrnahmen – doch dessen Kraft war ungeheuer stark.
Die kleine Chen blutete an den Füßen.
Sie trug ihre Wunden – doch niemand sah sie.
Vor ihre Augen stellte man ein Foto der fröhlichen Großfamilie.
In diesem Augenblick erkannte sie,
dass in den Augen jedes Mädchens auf dem Bild
Spuren von Verletzungen zu lesen waren.
Das brennende Schmerzgefühl zeichnete sich in ihren Gesichtern ab,
obwohl alle auf dem Foto lächelten wie aufblühende Blumen.
Dieses Lächeln schien eine Geheimsprache zu sein, mit der sie einander fragten:
„Bist du entkommen? Bist du entkommen?“
Die langanhaltende Unterdrückung nahm ihnen die selbstbewusste Aufrichtigkeit.
Die langanhaltende Unterdrückung nahm ihnen die selbstbewusste Aufrichtigkeit.
Die Wunden an den Füßen der kleinen Chen waren eigentlich immer noch da.
Sie waren verkrustet, und das Blut konnte nicht durch die Haut dringen –
es strömte hastig nur zu ihrem eigenen Herzen.
Ihre Kindheit war in Wahrheit ein bittersüßes Theaterstück.
Sie stand am äußersten Rand der Bühne, ohne Licht, verstummt wie erstarrt.
Der Bühnenraum blieb zwar offen,
doch da war eine seltsame, durchsichtige Glaswand.
Die kleine Chen wollte laufen, doch sie konnte nicht.
So musste sie ihr brennendes Verlangen nach dem Rennen unterdrücken.
Das Einzelbett ohne Decke konnte weder ihre Tränen noch ihre Wunden verbergen.
Die Wunden an ihren Füßen waren lange Zeit der Luft ausgesetzt.
Wie immer rissen die Leute willkürlich die Tür zu ihrem Zimmer auf
und starrten sie dann mit Unverständnis und scheinbarer Unschuld an.
Die Fußwunden der kleinen Chen wurden weiterhin ignoriert.
Sie war in einer Waschmittelblase eingeschlossen – vakuumiert und zerbrechlich.
Ein Junge im Park, der mit Seifenblasen spielte, blies versehentlich jene Blase,
in der sie vorübergehend wohnte.
Eine riesige Blase, weinrot wie Blut.
Doch wenigstens schwebte sie, sie schwebte hinaus.
Endlich konnte sie die weite Welt sehen, ohne rennen zu müssen.
Durch die weinrote, transparente Wand blickte sie hinaus,
fühlte sich allmählich leichter, stieg immer höher,
der Druck ließ nach, und alle Menschen erschienen winzig.
Einige Sekunden später, im selben Augenblick,
platzte die riesige Waschmittelblase lautlos – plopp.
Die kleine Chen verschwand spurlos.
Danach bemerkte niemand die kleine Chen
und die unerklärlichen Wunden an ihren Füßen.
(April 2007)
陳小妹妹腳上的傷
陳小妹妹有一個童年是這樣──
看著別人手裡捧著各種玩具
而她在心裡哭喊得再大聲也無法
陳小妹妹的童年並沒有雙語幼稚園
她甚至沒有進入過任何一所幼兒園
因為她的腳上有傷
有傷的孩子不配上
陳小妹妹的童年時期沒有遊樂場
她在子宮裡便習慣了一個人獨自玩耍
陳小妹妹出生後被擺放在
一張沒有棉被的單人床
還是小嬰兒的她一睜開眼 便注視著人們的失望──
噢怎麼會是個妹妹?怎麼會是個妹妹?
陳小妹妹的童年因此沒有棒棒糖
當然也不會有溫暖的大擁抱或者
幾句由衷的讚美
陳小妹妹甚至不被允許哭
廚房與曬衣場在不遠的下一秒等待她
因為她的腳上有傷
陳小妹妹的腳上有傷
她甚至不配擁有一間自己的隔離病房
於是陳小妹妹從小便泰然自若地在各種公共領域擔任
一名成功的舞台劇兒童演員
她大笑以掩飾她的悲傷
她大笑以掩飾她的悲傷
陳小妹妹在小學一年級的時候將
老師寫在黑板上的東西當作垃圾
她在粉筆灰聚集的綠底白字之間畫了
大大的一個叉 然後換來女老師重重地摑了一巴掌
公園裡有放風箏的小男孩快活愜意
他從小便被家長賦予使命與希望 必須
練習掌握風箏的去向 以一條細長的絲線
那線人們視而不見 卻力道極強
陳小妹妹的腳上流著血
她負傷 無人看見
一幅其樂融融的大家族照片擺放在她眼前
頃刻間 她辨識到照片裡
每個小妹妹的眼神中彷彿都帶著傷
疼痛灼熱的感覺寫在她們的臉上儘管
照片裡 的人們全都笑開了一朵花
那笑容彷彿是種暗語彼此詢問──
妳逃脫了嗎妳逃脫了嗎?
長期的壓抑使她們無法理直氣壯
長期的壓抑使她們無法理直氣壯
陳小妹妹腳上的傷其實一直都還在
傷口結了痂 血液無法穿透皮膚只有
急急湧流到自己的心口上
關於她的童年 其實是一齣悲喜交集的舞台劇
她在舞台的最邊緣沒有燈光 啞然失聲
舞台的空間仍開放 但卻有一面奇特的透明玻璃牆
陳小妹妹想試著奔跑卻無法
她只好阻擋自己意欲奔跑的熱望
沒有棉被的單人床掩蓋不住淚 也遮蔽不了傷
陳小妹妹腳上的傷長久暴露於空氣 人們一如往常總是
任意撬開陳小妹妹的房門 然後不解無辜地注視她
陳小妹妹的腳傷持續被忽略
她被隔離在一枚洗衣粉泡泡裡 真空且易碎
公園的小男孩玩著吹泡泡 不經意吹出了她所寄居的
那一枚
巨大的泡泡 酒紅色像血
但至少她飄 她飄了出來
終於她不必奔跑便可以看見廣大的世界
從酒紅色的透明圍牆看出去 她漸漸覺得輕
越來越高 壓力很小 每個人都微小
幾秒鐘後的瞬間
巨大的洗衣粉泡泡啵一聲寂然爆裂 陳小妹妹隨之瘖啞消失了蹤影
然後 沒有一個人發現陳小妹妹
以及她腳上無法解釋的傷
(April 2007)









